Pyrotheologie- in 300 Wörtern

Veröffentlicht: 12. Februar 2013 in Pyrotheologie

In diesem Beitrag verbinden sich gleich drei Dinge: die aktuellen Bücher, die ich gerade lese; meine Hochachtung für einen irischen Philosophen/Theologen, den ich im Sommer zufällig treffen und kennenlernen durfte; und eine Idee eines befreundeten deutschen Philosophen/Theologen, der philosophische Gedankengänge und Modelle kurz und prägnant versucht in unter 300 Wörter zu erklären.
So here we go:

Pyrotheologie ist eine Wortneuschöpfung der ikon-Gemeinschaft aus Belfast und wird vor allem gebraucht von ihrem Mitglied Peter Rollins. Was er oft darstellt mit „Glauben ohne Kuscheldecke“ entspringt zwar klar der systematischen Theologie, lässt sich aber darüber hinaus schwierig in klassischen theologischen Ansätze einordnen, sieht sich selber jedoch innerhalb der Radical Theology. Es geht um eine Betrachtung und Annahme („different mode of life“) des ‚Hier und Jetzt‘ in seiner Ganzheitlichkeit- im Besonderen der negativen und traumatischen Seiten, Begrenztheiten und Probleme. Es verhält sich genau gegenteilig zum „Opium des Volkes“.

The Good News of Christianity is: You can’t be satisfied! Life is rubbish! And we don’t have the Answer!

Glaube ist nicht Spender von Sicherheit(en), Gewissheit oder Befriedigung, sondern die Befähigung das Leben in seiner Gänze und Schwierigkeit anzunehmen, Unwissenheit und Zerbrochenheit als Normalzustand zu begegnen- ohne das Suchen nach einem wie auch immer gearteten Turn oder Happy End. Gott oder der Glaube ist keine ‚Joker‘-Karte; kein Produkt, welches uns „ganz macht“, unser Leid beseitigt oder uns die Antworten offenbart- sondern das, dem man in der Tiefe des Lebens begegnet und einen wahrscheinlich nie ausfüllt oder die Befriedigung verleiht, der wir nachjagen. Ein sinnverwandtes Zitat:

The first duty of philosophy is making you understand what deep shit you’re in. – Slavoj Zizek

Somit steht Rollins und der Begriff ‚Pyrotheologie‘

– den Gedanken Moltmanns zum ‚gekreuzigten Gott‘,

– Dorothee Sölles Begriff der ‚Lebenskraft‘ und ihrer Ablehung des ‚Papa-wirds-richten‘-Theologie

– der Diskussion einer ‚Theologie nach Ausschwitz‘

und Bonhoeffers Betrachtung des ‚deus ex machina‚ nahe.

Das ‚Pyro‘ in Pyrotheologie wird wahrscheinlich am Besten durch die Läuterung von Metallen mithilfe von Feuer erklärt: bei diesem Ansatz geht es darum, die (theologischen) Konstrukte, welche uns -wie eine Kuscheldecke bei Kindern- beruhigen, wenn es uns nicht so gut geht, los zu werden, die Leere und das Fragmentarische auszuhalten.

– – – – –

Falls weiteres Interesse besteht:

Rollins Versuch einer ersten Definition

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Kommentare
  1. Beate sagt:

    Du hast zusammengefasst, was Gott, was Christsein in diesem Zusammenhang nicht ist. Klingt spannend. Gott ist nicht der Joker, wenn was schief geht. Vollständig einverstanden!! Wie würdest du dann formulieren, wer Gott stattdessen ist?

    • timski sagt:

      Die Frage, wie/was etwas NICHT ist, ist ja prinzipiell einfacher, als zu bestimmen, wie etwas ist. Erst recht bei Gott. Wie sollte man Gott treffend beschreiben?
      Nicht umsonst heißt Peters erstes (und wahrscheinlich am meisten beachtetes) Buch „How (not) to speak about god“. Die Beschreibung Gottes „durch Verneinung“ ist von guter alter theologischer Tradition, die uns aber konkret nicht hilft, wie du schon feststellst 😉
      Hier mal der Versuch einer Antwort im Sinne der Pyrotheologie:
      Gott ist das absolute Wesen, von dem sich alles Sein ableitet. Zudem ist Gott „Gott über Gott“ (Tillich), nicht aus der Schöpfung heraus vorstellbar. Gleichzeitig ist dem guten Pete zufolge Gott in der Tiefe, der Mitte des Lebens zu erfahren (so gut dies überhaupt geht). (Dies hat er quasi von Bonhoeffer). Oder in Worten Sölles ist Gott die „Lebenskraft“.
      Aber Gott ist Gott, kein „Götze“. Gott existiert „entzweckt“, es geht eben nicht um das ‚pro me‘. Sobald es mir bei Gott vor allem um mich geht, bewege ich mich im Bereich des Götzen, und nicht von Gott. (Darum dreht sich vor allem Petes aktuelles Buch „The idolatry of god- Breaking the addiction to certainity and satisfaction“). Wir Menschen haben Bedürfnise, Bestrebungen, Interessen- die wir auch auf Gott und Religion projizieren.(wirf einfach mal einen Blick in die populäre moderne geistliche Musik (einfach mal googlen nach Hillsong oder so 😉 ) dann wirst du verstehen was das meint). Und das ist auch nicht neu, sondern tritt ständig wieder überall auf und wird in vieler Volksfrömmigkeit zementiert. Gott ist aber nicht der „himmlische Knöpfchendrücker“ (Sölle) und im Sinne von Rollins nicht die Kuscheldecke oder der Götze.
      Gott ist das Mysterium, was wir nicht durch theistische Modelle eingrenzen sollten (weswegen Rollins sich als a-theisten bezeichnet (nicht als atheist)) oder im Hinblick auf uns interpretieren sollten. Das kann auch mal schwer und hart sein, deswegen ja Pyro 🙂 In der Befreiung von Erwartungen, Ansprüchen, Selbstzentriertheit , dem Aushalten von Härte, auch den harten Gedanken wie ‚Ausschwitz‘ nicht aus dem Weg zu gehen: auch darum geht es. Es mag einem nicht besser danach gehen, aber es ist gewissermaßen eine Des-illusionierung. (Wird in ‚Insurrection‘ als Analogie zum Ostergeschehen dargestellt: Gottesferne, ‚Gott sterben lassen‘ und dann durchdringen zu etwas neuem).
      Schon sehr provokant bietet icon und Rollins in der Fastenzeit an, gemeinsam einmal „Gott zu fasten“, sich in der Fastenzeit mal am temporären Atheismus zu versuchen. Kannst dich ja mal durchklicken- ich kann das nur ungenügend erklären 😉 http://www.atheismforlent.net/
      Radikale Theologie halt 😉

  2. Arne sagt:

    Witzig, zu Atheism for Lent bzw. zu dem Buch Suspicion and Faith von Merold Westphal habe ich mal einen Workshop auf dem Emergent Forum gemacht. Die Gedanken kommen mir sehr bekannt vor. Die Frage jedoch ist ja, wie man mit diesen ganzen kritischen Erwägungen dann wieder noch zu einer Form von gebrochenen Affirmation kommen kann. Denn nur: Glauben bedeutet die Härte des Lebens auszuhalten, ist vielleicht zu viel um zu sterben, aber vielleicht auch zu wenig, um damit zu leben, oder?

    • timski sagt:

      Da hast du vollkommen recht! Abgesehen davon, dass dahinter keine akademische Strömung („Schule“) steckt, sondern dies eher eine Art Nebenjob-Theologie ist, erheben die Vertreter in meiner Wahrnehmung auch gar nicht den Anspruch, mit diesem Ansatz sämtliche theologische Felder abzudecken. Vielleicht kann man die Piraten-Partei als Vergleich heranziehen, die auch keine Position zu Altersversorgung, europäische Aussenpolitik etc. etc. haben.
      Bei der ‚Pyrotheologie‘ geht es meines Erachtens eher um ein theologisches Nischendasein. Und eben diese Fragen aus der Nische sind unbequem, stellen vieles in Frage, dekonstruieren- aber rekonstruieren wenig Neues noch wagt man sich in andere Bereiche der Theologie wie Dogmatik oder oder vor (maximal Hermeneutik). Mein größter Kritikpunkt ist die Existenz quasi losgelöst von christlicher Theologie-, Dogmen- sowie Kirchengeschichte (ausser das brilliante „How (not) to speak about God“). Pyrotheologie ist quasi ‚fromme Religionskritik‘, ein ständig nörgelndes ‚Aber warum?“- das ist etwas was wir in meinen Augen dringend brauch(t)en. Ich persönlich profitiere sehr viel davon, mir die Frage zu stellen, ob ich Gott (bzw. meine Gottes- und Glaubensvorstellung) nicht mit meiner „sonstigen“ theologischen Prägung und Denkweise ver-zwecke, bequem in meinen Kram presse. Es ist (um den Trend der Interdisziplinatität zu bemühen) die Philosophisierung der Theologie oder „ein großer Reflektions-Ansatz“.
      Will ich größere, weitgreifendere Entwürfe, die weitere Bereiche abdecken, kann ich ja auf die ‚Orinigal-Quellen‘ Moltmann, Tillich, Sölle, Bonhoeffer zurückgreifen 🙂

  3. […] Zu dem Stichwort “Pyrotheologie” gibt es 300 Wörter von Tim. […]

  4. diakonisch.de sagt:

    Sag mal, gibt es noch irgendwo im Netz diese 300-Wörter-Idee? Der Link führt ja in Posterous-Nirvana 😦 …

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